Original-SÜDKURIER-Artikel vom 04.03.2004:
"Einsatz gegen Nasenbalsam/250 Polizisten auf Bio-Hof
Ravensburg/Stuttgart - 250 Polizeibeamte, ausstaffiert mit Gesichtsmasken und Schutzwesten, stürmten, Waffen im Anschlag, am Morgen des 10. Februar einen Bio-Bauernhof in Aichstetten. Gesucht hatten sie ein Nasenbalsam, das gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen soll. Die Landtagsgrünen wollen nun den Fall vom Innenminister geklärt haben. Die zehn Bewohner und Mitarbeiter des St. Michaelshofes fühlten sich "wie Terroristen behandelt". Andrea Heppeler erinnert sich ungern an das "Horrorszenario".
Die Beamten, meist mit Schutzschildern bewehrt, fesselten die Hofbewohner mit Handschellen und Kabelbändern. Auf die Frage nach einem Glas Wasser, kam die Antwort "Die soll doch Schnee fressen". Kinder wurden aus Hochbetten gerissen, Erwachsenen die Arme verdreht und stundenlang auf dem Boden liegend festgehalten. Weil die Polizisten sich nicht vorstellten, ein Mann in Zivil lediglich anmerkte, man suche "Salben", brach Panik aus. "Ich konnte in meinem Kopf nicht zusammenbringen, dass Terroristen oder Vermummte nach Salben suchten", erinnert sich eine. Ärztliche Protokolle diagnostizierten anschließend Verstauchungen, Blutergüsse, Prellungen, Nierenschädigungen. Unglaubliche Demo Heppeler, überzeugte Biobäuerin, hat eine derartige Demonstration der Staatsgewalt "nie für möglich gehalten".
Der St. Michaelshof, so der im Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Leutkirch geäußerte Verdacht, verstoße mit seiner Rezeptur für ein Nasenerfrischungsbalsam und eines anderen im "kosmobiodynamischen" Leitgedanken gerührten Tonikums gegen das Arzneimittelgesetz. Es handle sich um nicht zugelassene "Fertigarzneimittel". Ein Mitarbeiter des Ravensburger Wirtschaftskontrolldienstes (WKD) sei schon einmal abgewiesen worden, begründete ein Polizeisprecher den 70.000 Euro teuren Einsatz. "Unsere Salben sind jederzeit zu kaufen", sagt Andrea Heppeler, "alles ordnungsgemäß angemeldet". Sowohl dem Landratsamt Lindau als auch dem Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt in Sigmaringen seien die Cremes und Salben vom St. Michaelshof, die "speziellen Wirkstoff-Auszugs-Verfahren" unterzogen werden, seit langem bekannt gewesen. Wegen des Nasenbalsams ist bereits ein Bußgeldverfahren anhängig - weil auf dem Cremetiegel aus Ringelblume, Meerrettich, Thymian und Demeter-Bienenwachs der Aufdruck "atemfrei" prangte.
Tatsächlich sei ein Wirtschaftskontrolleur einmal auf den Hof gekommen. Weil aber keiner ihm hätte Auskunft über Rezepturen oder Produkte geben können, habe man ihn gebeten, sich vorher anzumelden. Daher vermutet man auf dem Biohof die Verstimmung bei der Ravensburger Polizei. Das Motiv für den Einsatz unter "Alarmstufe 1" dürfte auch aus Gerüchten und Verdächtigungen gespeist sein. Die "biodynamischen Produkte", auf Märkten zwischen Schwabing, Friedrichshafen und Meersburg sowie per Internet vermarktet, haben einen guten Ertrag. Sogar auf dem Münchner Viktualienmarkt sind Bärlauchpesto und Haselnussbrot vom St. Michaelshof begehrte Produkte. In Aichstetten und Umgebung aber beäugt man die erfolgreiche "Kommune" offenbar skeptisch. Viele vermuten hinter der, dem Anthroposophen Rudolf Steiner verpflichteten, sich an Mondphasen und Sternenkräften orientierenden Hofgemeinschaft eine Sekte.
Anwälte der Hofbewohner haben inzwischen Beschwerde eingelegt. Der Einsatz sei "rechtswidrig" gewesen. Selbst der Ravensburger Oberstaatsanwalt Gerhard Schurr nahm die Größe des Einsatzes "mit einer gewissen Verwunderung" zur Kenntnis. Dem unbefangenen Beobachter könnte sich der Eindruck aufdrängen, ein 250-köpfiges Kommando stehe "nicht im Verhältnis zur Anschuldigung". Heute kommentiert Schurr den Vorgang mit Hinweis auf laufende Ermittlungen nicht mehr. "Haben unsere Beamten sonst nichts zu tun?", fragt der Landtagsabgeordnete Thomas Oelmayer. Auf Druck seiner Grünen-Fraktion soll das Stuttgarter Innenministerium die "grandiose Überreaktion" auf fragwürdige Gerüchte klären."
(Ende des Original-Artikels von 2004)
http://www.suedkurier.de/region/bodense ... 90,3495765

